Adam und Eva und der Weihnachtsbaum
Ein Artikel zum christlichen Sinn des Weihnachtsbaumes
Haben Sie sich schon einmal darüber Gedanken gemacht, woher der Brauch rührt,
daß wir uns alljährlich zu Weihnachten einen geschmückten Tannenbaum in
unser Wohnzimmer stellen?
- Nun, es gibt zwei Phasen der Entwicklung (nach O. Cullmann, Die Entstehung des Weihnachtsfestes,
Stuttgard 1990):
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Schon der syrische Kirchenvater Ephrem berichtet im 4. Jahrhundert, daß zum
Weihnachtsfest am 6. Januar jedes Haus mit Kränzen und Zweigen geschmückt
wurde. In der Folgezeit wird im Mittelalter die Sonnenwendperiode als Neujahrs- und auch
als Niklausfeier mit Aufstecken von allerhand Zweigen, Ruten und auch Bäumen
begangen. Darin lebten alte heidnische Bräuche der Sonnenwendfeier weiter, wurden
jetzt aber in den Dienst des Geburtsfestes Christi gestellt.
Alten Legenden zufolge, blühten die Pflanzen auf, als Jesus geboren wurde. So legte
man mehrere Wochen vor Weihnachten Apfel- oder Kirschbaumzweige ins Wasser, um sie auf
dem Festtag zum Blühen zu bringen. Birken und Eichen finden Verwendung, aber mit
Vorliebe doch immergrüne Pflanzen wie Buchs und Wacholder und besonders die Tanne,
deren bleibendes Grün Unsterblichkeit versinnbildlicht: Während normalerweise
die Natur erst im Frühling erwacht, lebt sie hier weiter in der dunkelsten Zeit
des Jahres, mitten im kalten Winter, nicht nur zur Sommerzeit,
wie es auch im Lied O Tannenbaum heißt. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts
ist dann zuerst im Elsaß bezeugt, daß immer mehr Tannen in den Wäldern
zum Schmücken der Häuser und Zunftstuben geschlagen werden.
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Der christliche Sinn des Weihnachtsbaums, wie wir ihn heute kennen, ist nicht nur
aus der Verchristlichung der Wintersonnenwende zu erschließen. Er hat seine eigene
Wurzel: Sie ergibt sich aus der mittelalterlichen Tradition der Mysterienspiele, die
als Auftakt zum Weihnachtsfest vor den Portalen der Kirchen in der heiligen Nacht die
Geschichte des Sündenfalls im Paradies aufführten. So sind in den Namenstagskalendern
bis zum heutigen Tag am 24. Dezember die Namen von Adam und Eva verzeichnet.Diese
Spiele wurden wahrscheinlich an vielen Orten aufgeführt, aber sie sind besonders
in der Rheingegend bezeugt. In ihnen traten Adam und Eva, der Teufel auf, der Cherub,
der das Paradies verschlossen hält, und als Dekorum erschien besonders der Baum,
dessen Frucht der Anlaß zur Sünde wurde. In der Bibel ist seine Gattung nicht
angegeben, und je nach den Gebieten wurde er mit den heimischen Bäumen identifiziert.
In Deutschland war es der Apfelbaum, und der Apfel hat sich als verbotene Frucht
durchgesetzt. Da ein blühender Apfelbaum am 24. Dezember schwer zu finden war, suchte
man sich einen anderen Baum, und da drängte sich natürlich die immergrüne
Tanne auf. An die Tanne hängte man dann einen oder sogar mehrere Äpfel. So
gab dieses Spiel dem Weihnachtsbaum seine christliche Bedeutung:
In der Weihe-Nacht ist die Sünde des Menschen durch die Menschwerdung
Christi gesühnt worden. Der Baum der Versuchung sowie seine Frucht erlangen die
paradiesische Würde zurück. Der Baum der Erkenntnis unterscheidet sich nicht
mehr vom Baum des Lebens (vgl. Gen 2,9). Dem Menschen steht das Paradies wieder offen.
So singen wir in einem bekannten Weihnachtslied (GL 134) auch: Heut schließt
er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis. Der Cherub steht nicht mehr dafür.
Gott sei Lob, Ehr und Preis.
In den Paradiesspielen der Heiligen Nacht wurde zudem vorausschauend der Kreuzestod Jesu
Christi miteinbezogen. Am aufgestellten Tannenbaum wurde dies zum Ausdruck gebracht:
man hängte eine nicht konsekrierte Hostie neben den Apfel. Dies ist schon 1600 in
Schlettstadt bezeugt. Damit wurde dem Apfel, der den Menschen zum Tode führte, die
Hostie, das lebenspendende Brot gegenüber gestellt. Jesus als der neue Adam (vgl.
Röm 5,12ff), der sein Leben für uns Menschen hingegeben hat, hat uns das Paradies
wieder aufgeschlossen. Aus den Hostien sind später dann die Weihnachtsplätzchen
geworden. Als der ursprüngliche Sinn des Brauches immer mehr verloren ging, entwickelten
sich die Äpfel immer mehr zu schmuckvoll verzierten Kugeln. Erst später schmückte
man den Weihnachtsbaum auch mit Kerzen, die Jesus Christus als das in die Welt gekommene
Licht symbolisieren (Joh 1,5-9).
Zuletzt eine persönliche Schlußbemerkung: Wenngleich ich als Kind nie von
diesem theologischen Hintergrund wußte, so war mein Erleben des Heiligen Abends mit
dem des Paradiesspiels sehr ähnlich: Meine Eltern schmückten den Baum immer alleine.
Als dann abends das verschlossene Wohnzimmer aufgeschlossen wurde, standen wir Kinder staunend
im weihnachtlichen Wohnzimmer vor dem geschmückten Weihnachtsbaum. Es war wie im schönsten
Paradies, ein Abbild des Himmels. Diesen prächtigen Anblick werde ich mein Leben lang
nie vergessen. Dafür bin ich meinen Eltern sehr dankbar. Ich wünsche möglichst
vielen Kindern, daß sie ähnliches erleben.
Winfried Kissel |