Weihnachtspfarrbrief 1999
St. Walburga Overath

WEIHNACHTSGRUSS

Emanuel - Gott mit uns

Pastor Rony Hermans

Meine lieben Freunde,

ich war sehr viel unterwegs, und als ich ins Pfarrhaus zurückkam, lag eine Menge Arbeit an: Allerheiligen, Allerseelen, Schulgottesdienst usw. Aber wenn ich ehrlich mit mir selbst bin, dann muß ich sagen, die viele Arbeit ist vielleicht eine Ausrede, ein Vorwand, aber ein Grund, einen Weihnachtsbrief nicht zu schreiben, ist sie nicht. Woran liegt es also? Anfang November an Weihnachten denken! Einige Briefe von befreundeten Missionaren im Oktober aus Haiti und dem Kongo brauchen dringend Antwort - dann muß ich ganz einfach “ehrlich” gestehen: keine Lust. In Haiti und im Kongo, lese ich bei meinen Freunden, haben die Leute keine Ohren für Friedensbotschaften. Die Leute haben ganz schlicht Hunger. Kein Reis, keine Hirse, kilometerweit kein Gras fürs Vieh – also keine Milch. Bei vielen Familien steht kein Topf mehr auf dem Feuer. Besserung wann – wie? Das Ausmaß der Not ist so groß, daß man ihr völlig ohnmächtig gegenübersteht.
Wenn ich dies heute Abend lese, wie kann ich dann eine Weihnachtsbotschaft schreiben, Anfang November, und alles duftet schon nach Weihnachten: in Gold, Süßigkeiten, Glühwein

Ich denke nun mal so: Als Gott der Menschheit zeigen wollte, daß er Liebe ist, hat er sie nicht etwa mit Geschenken überhäuft. Er hat auch nicht Krankheit, Hunger oder Gewalt aus der Welt verbannt. Er ist vielmehr in Bethlehem, einem verlassenen Nest in einem winzigen Land, als Mensch geboren. Kind von armen, aber anständigen und geachteten Leuten. Als Gott uns seine Liebe offenbaren wollte, wurde er

EMANUEL - Gott mit uns.

Gott kommt dort zu uns, wo wir sind: Hochzeit zu Kana, Fischfang am See, Festessen bei Simon, den Pharisäern und Zachäus, aber auch an derTotenbahre des Jünglings zu Naim, am Teich zu Siloe bei den Kranken, auf der Landstraße bei dem Aussätzigen, am Kreuz mit den Verbrechern und unschuldig Verurteilten. Er teilt auch die unmenschlichen Bedingungen in Haiti und im Kongo, wo viele oft so schwach sind, daß ein Malariaanfall stärker sein kann als sie.

In dieser Situation, nach den Briefen, die ich heute gelesen habe, muß ich einen Weihnachtsbrief schreiben - kann ich noch Weihnachten “feiern”?
Und deshalb bring‘ ich es nicht über mich, Ihnen ein “frohes Weihnachtsfest” zu wünschen. Fast hätte ich diesmal überhaupt nicht geschrieben. Wer verdirbt schon gerne Festtagsstimmung? Da es aber trotzdem Weihnachten werden wird und diese Botschaft an alle gerichtet ist – zuerst an die armen Schlucker, die Hirten auf dem Feld – wünsche ich Ihnen eine

“gesegnete Weihnacht”,

weil ich es nicht über mich bringe “fröhliche Weihnachten” zu wünschen, wenn ich an das viele Leid denke in der Welt.

Noch dieser konkrete Gedanke: Weihnachten - Emanuel - Gott mit uns - Gott mit einem menschlichen Gesicht - Jesus von Nazareth!

Doch hier keine Armut, kein Hunger! Aber die gewachsene Funktionalisierung der Seelsorge schottet den Seelsorger immer mehr vom realen Leben seiner Gemeindeab.
Sie läßt ihm immer weniger Spielraum für die Pflege beruflicher wie persönlicher Beziehungen! Alles organisiert, alles im Terminkalender... Wer sich so organisiert, daß er für immer mehr Menschen dasein soll, wird schließlich für niemanden mehr dasein...Emanuel...???

Wer nur nach Terminen lebt, dessen Leben wird am Ende auch durch Termine bestimmt! ...Emanuel...???
Die heute beobachtbare Funktionalisierung im Institut Kirche hat schließlich eine Depersonalisierung in unserer Seelsorge zur Folge (Wo bleibt Emanuel noch?). Die Daten, die er vom Computer mitschrieb, sagen ihm, wie er was und was er braucht, sogar in der richtigen Reihenfolge – organisatorisch perfekt.

Aber sagt ihm das Programm auch, wer er ist? Der Dichter Handke redet hier folgerichtig von
Ich-Auflösung

Erfahrungsgemäß besteht ein Zusammenhang zwischen terminlicher Inbeschlagnahme und autoritär dozierendem Verkündigungsstil. Alfred Delp hat schon festgestellt: “Der Weg der fordernden Kirche im Namen des fordernden Gottes ist kein Weg mehr zu diesem Geschlecht.”

Weihnachten - Gott mit uns – in Haiti, im Kongo, in Overath...

Zum Schluß: Gestern hörte ich noch von einem Seelsorger: “Ich bin in meiner Kindheit nicht geliebt worden, also habe ich von meiner Gemeinde viel zu fordern!” Wo ist hier Emanuel - Gott mit uns?

Was wünsche ich uns?

  • Nicht immer Antworten parat haben, sondern mit Fragen des anderen solidarisch mit-leben,

  • keine Berührungsängste haben vor lebendigen Beziehungen, auch in einer säkularisierten Welt,

  • wenn sich die Geschichte des Glaubens Raum gibt, muß sie sich auch entschuldigen können und Emotionen zulassen,

  • nicht nur geben, sondern auch seine Bedürftigkeit zeigen können und sich selbst beschenken lassen.

In Menschlichkeit mit anderen verbrachte Zeit ist “gewonnene” und nicht verlorene Zeit.
Verlieren wir im Jahr 2000 Zeit aneinander, geben wir Gottes Geschenk einander weiter
Emanuel

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