
1741

Ein 250 Jahre alter Pilgerweg
der privaten Frömmigkeit
Der Vergangenheit verpflichtet, der Gegenwart bewusst und auf Zukunft ausgerichtet.
Mit diesem Satz möchten wir Ihnen diese Beschreibung der Sieben Fußfälle von Overath nach Marialinden empfehlen. Die vorliegende Broschüre, die sieben Stationen des Leidensweges Jesu Christi beschreibt, macht deutlich, wie wichtig unseren Vorfahren die Verknüpfung von Alltagsleben und Glaubensleben war. Die Stationen am Wegesrand erinnerten einen Jeden an das Erlösungswerk Gottes und damit auch an das eigene Erlöst-Sein. Zugleich lenken die Sieben Fußfälle unseren Blick in die Gegenwart, die ihrer Verantwortung nachkommen muss, nicht nur Historisches zu bewahren, sondern gelebten Glauben auch in unserer Zeit zu bezeugen. Auch heute ist es immer noch eine schöne Erfahrung, dass es viele Menschen gibt, die an den Sieben Fußfällen beten und ihren Glauben bekennen. Und letztlich ist es unsere Aufgabe, den künftigen Generationen, die Zeichen inniger Gläubigkeit weiter zu geben, und bewusst zu machen, dass unsere Zukunft auf Gott ausgerichtet ist. Die Sieben Fußfälle stehen dafür!
So gilt der besondere Dank dem Bergischen Geschichtsverein Overath
e.V. für die Ausarbeitung und Herausgabe dieser wichtigen Broschüre. Möge
sie dem Nutzer nicht nur zur Information dienen, sondern zur inneren Einkehr führen,
wenn er an den Sieben Fußfällen sein Gebet verrichtet
Pfarrer Zöller, Overath
Pfarrer Möller, Marialinden
Von den drei auf Overather Stadtgebiet bestehenden Pilgerwegen (Heiligenhaus, Immekeppel, Marialinden) ist der nach Marialinden nicht nur der älteste, sondern auch der einzige, von dem weitgehend der ursprüngliche Verlauf sowie alle sieben Stationen erhalten sind. Allerdings kann man diese nicht bequem von der Straße aus sehen, da er - wie vor 250 Jahren - quer durch den Wald den Berg hinaufführt.

Ein Klick auf die Zahlen führt direkt zur Beschreibung der Station
Bereits das Volk Israel errichtete auf den Höhen Heiligtümer, zu denen es pilgerte, um seinem Gott besonders nahe zu sein. Diese Praxis religiösen Lebens haben auch die Christen beibehalten. Gerade im 18. Jahrhundert wurden im gesamten Rheinland zahlreiche dieser Pilgerwege errichtet. So ist es kein Zufall, dass auch Overather Bürger im Jahr 1741 aus besonderem Anlass diesen Passionsweg von der Gemeindegrenze zur hochgelegenen Wallfahrtskapelle Marialinden stifteten. Entsprechend einer zeitgenössischen Tradition wählten sie dafür die heilige Siebenzahl, da nach der Legende Jesus siebenmal unter dem Kreuz auf die Knie fiel.
Diese heilige Zahl ist auf dem gesamten Pilgerweg anzutreffen. Nicht nur die Anzahl der immer gleich gestalteten Stationen beträgt sieben, auch das Unterteil der Fußfälle ist in sieben Quader unterteilt, von denen die oberen ein oder zwei die Inschrift aufnehmen. Insgesamt sind die Stationen rund 2,50 m hoch. Das Unterteil ist durch ein dreistufiges Gesims von dem Mittelteil abgetrennt, bei dem sich in einer ca. 40 x 55 cm großen rundbogigen Nische ein Relief mit der Darstellung der Kreuzwegstationen befindet. Vor dieser bietet eine kleine Konsole die Möglichkeit zur Aufnahme eines Blumenstraußes oder einer Leuchte, wie es auch heute noch geschieht. Den Abschluss einer jeden Station bildet ein Halbkreissegment, in dem das Christogramm IHS, die ersten drei griechischen Buchstaben des Namens Jesus, sowie ein Herz mit drei Nägeln eingemeißelt sind. Lediglich auf dem 4. Fußfall ist noch ein Steinkreuz erhalten, das sicher ursprünglich auf jeder Station gestanden hat.
Das Material der Stationen besteht aus Lindlarer Sandstein, der zwar leicht zu bearbeiten, aber nicht für einen jahrhundertelangen Bestand geeignet ist. Daran haben die Erbauer auch sicher nicht gedacht, ihnen ging es um ihre Gegenwart.

So wurden in vergleichbaren Fällen schon im 19. Jahrhundert derartige Reliefs durch neue ersetzt. Es ist daher ein natürlicher Verschleiß, dass man bei dem Marialindener Weg viele Einzelheiten nicht mehr erkennen kann. Ja, es ist sogar eine Überraschung, dass sich drei Stationen noch in einem überdurchschnittlich guten Zustand befinden. Dies sowie die nach wie vor bestehende Praxis, diesen Stationsweg vordringlich in der Passionszeit auch als Weg des Gebetes zu gehen, verdient seinen Erhalt und seinen Schutz.
So zahlreich diese Stationswege auch waren, sie wurden immer aus privatem Engagement der Gläubigen errichtet. Da dies jedoch mit großem finanziellen Aufwand geschah, musste natürlich ein besonderer Anlass vorhanden sein. Bei dem Overather Weg nach Heiligenhaus im Jahr 1816 war dies eine große Hungersnot, die im ganzen Rheinland herrschte. Dagegen hat im Frühjahr 1740 wohl eine andere Katastrophe vorgelegen, da die Zahl der Toten nur in Overath dreimal so hoch war wie gewöhnlich. Vermutlich handelte es sich um eine Epidemie, die viele Familien betraf.
Hierzu gehörte offenbar auch Anna Maria de Groote, die Frau des Rittergutsbesitzers von Altbernsau, Johann Jakob von Codone. Dieser war Kurpfälzischer Geheimrat aus Jülich, er hatte aber seinen Dienstsitz in Köln. So stammte auch seine Frau aus einer angesehenen Kölner Patrizierfamilie. Codone hatte 1715 den Rittersitz Altbernsau erworben. Anna Maria de Groote starb am 28. Februar 1740 und wurde in Köln beigesetzt. Da die ersten beiden Fußfallstationen das Stifterwappen dieses Ehepaares tragen, die damit als einzige der Overather Adelsfamilien

Allianzwappen von Codone - de Groote
beteiligt sind, wird man vermuten dürfen, dass sich die Frau möglicherweise während eines Aufenthaltes in Altbernsau infiziert hat. In die gleiche Richtung weist der dritte Fußfall, den die Halfleute (=Pächter) von Altbernsau stifteten. Insgesamt gehören auch die Stifter der anderen Stationen zu angesehenen Familien, da mehrere aus dem Umkreis der Mitglieder des Hofesgeichtes stammen (s. Beschreibung der Fußfälle).
Wurde dieser Pilgerweg somit zum Gedenken an die vielen Toten der Epidemie von 1740 errichtet und wohl auch von den Nachfahren dieser Verstorbenen betend gegangen, so behielten die Overather und Marialindener Gläubigen diese Tradition in den weiteren Jahrzehnten und Jahrhunderten bei, indem viele von ihnen bei einem Todesfall - vordringlich von sieben unverheirateten Mädchen vertreten - fürbittend diesen Weg gingen. Diese Tradition hat sich bis auf den heutigen Tag erhalten, jedoch nur noch in der Passionszeit zum Gedenken an den Tod Jesu.
Die Darstellungen der bildlichen Reliefs stammen alle aus den Ereignissen der Passion Jesu, deren Ablauf damals in sieben Stationen dargestellt wurde. Die Verdoppelung auf 14 Stationen des heute üblichen Kreuzweges erfolgt später.
Dem bibelkundigen Pilger wird allerdings auffallen, dass - mit der einzigen Ausnahme bei Station 3 (s. dort) - alle Reliefs auch die Gottesmutter zeigen, selbst da, wo sie im Neuen Testament nicht vorkommt. Eine Erklärung dafür findet sich in der Inschrift, die lautet:
Damit orientiert sich die Abfolge nicht nur am Kreuzweg Jesu, sondern in gleicher Weise an den fünf Sätzen des Schmerzhaften Rosenkranzes. Man wird annehmen können, dass diese Verbindung beider Betrachtungsweisen durch das Marien-Patrozinium der Wallfahrtskapelle in Marialinden beeinflusst war, wohin der Pilgerweg ja führte.

Inschriftgestaltung am Beispiel des 4. Fußfalls
Der Weg beginnt an der Mucher Straße (L 312) kurz hinter der heutigen Marialindener Straße am "Haus Burgfriede" und führt dann steil den Berg hinauf.
(am "Haus Burgfriede")
Obwohl die Anwohner schon vor Jahrzehnten um die Station eine Grottennische zum Schutz vor der Witterung errichteten, ist auch hier von der Darstellung des Reliefs nur noch in der rechten Bildhälfte Jesus zu sehen, wie er zum Himmel zeigt, links eine kniende Frauengestalt, wohl Maria.

Statt einer Inschrift sieht man das Allianzwappen des offensichtlichen Stifters, Johann Jakob Codone (1689-1747) und seiner bei dieser Epidemie verstorbenen (ersten) Ehefrau Maria Anna de Groote (1695-1740).
(im Wald)
Diese Station hat am meisten gelitten. Das originale Relief ist verloren und durch eine Platte ohne Darstellung ersetzt. Auch die Konsole ist abgebrochen. Erneut findet man außer der Jahreszahl 1741 keine Inschrift, wohl aber ein ebenfalls kaum noch erkenntliches Allianzwappen, bei dem die Überlieferung von einer gleichen Gestaltung berichtet wie bei Station 1.
(nach dem Wald)
Hier ist das Relief noch klar zu sehen: in der Bildmitte der gefesselte und entblößte Jesus, links und rechts neben ihm zwei Soldaten (?), die ihn mit Peitschen schlagen.

Relief 3. Station
Über dem Relief ist die Überschrift zu lesen:
gelob(t) sey iesus christus
Darunter in einer über zwei Blöcke reichenden Kartusche:
diesen fussfall haben zv ehren
des bitteren leydens christi vnd seiner
schmerzhaften mutter b. v. m.*) lassen avff
richten der ehrsamer io(hann)es wilhelmvs muller
vnd anna christina bvchholz ehlevth
zv alten bernsaw halfflevthe
(1741) den (23. me)rz
*) = B(eatae) V(irginis) M(ariae)

Diese Station fällt durch einige Besonderheiten auf. Nur hier beginnt die Inschrift mit dem Gruß Gelobt sei Jesus Christus. Ebenfalls steht sie nur hier in einer Kartusche, die zudem nicht nur über ein einziges Feld reicht, sondern über zwei. Alles sind Hinweise darauf, dass die Station offenbar ursprünglich von einem anderen Auftrag stammt. So lässt sich bei genauem Hinsehen zwischen der Inschrift noch erkennen, dass es vorher auch einen anderen Text gab. Schließlich ist dies die einzige Darstellung, auf der Maria fehlt.
Ob das Pächterehepaar von Altbernsau diesen Fußfall lediglich aus Solidarität mit der Pachtherrin errichtet hat oder ob auch eins seiner Familienmitglieder verstorben ist, müsste noch untersucht werden.
(unterhalb Büscherhöfchen)

Im Relief sind fünf Personen dargestellt: In der Mitte der sitzende Jesus, angetan mit einem Mantel, die Dornenkrone auf dem Haupt, rechts zwei übermächtige Soldaten, die ihm die Krone fest aufs Haupt drücken. Links kniet eine höhnende (?) Person, dahinter schaut Maria zu.

Relief 4. Station
Inschrift:
d(er) 4. fusfal
diesen fusfall haben zu ehren dess
bitteren leydens xti (=Christi) lassen aufrichten
die wohl achtbare(n) roland wermelskirchen
und catharina fischers ehel(eute) melchior fischer
und erme (=Irmgard)kotters ehel(eute) und
jo(hann)es adolph stader
a(nn)o 1741
Hier lässt sich aus den Overather Hofesgerichtsprotokollen entnehmen, dass Roland Wermelskirchen von 1740 bis zu seinem Tod 1783 Schöffe bei diesem Bernsauer Hofesgericht war, das zweimal jährlich im Steinhof tagte. Auch Johann Adolph Stader gehörte zu den Kandidaten für das Hofesgericht. Möglicherweise zählte auch seine Frau zu den Opfern der Epidemie, da er bei der Gerichtssitzung vom 27. Juni 1740 als wittmann bezeichnet wurde.
(vor der Einmündung des Weges in die Straße Weißenstein)
Auch hier ist das Relief stark verwittert und nur noch der kreuztragende Jesus zu sehen. Auch von der Inschrift erkannte man bei der letzten Inventarisation 1972 nur noch die Worte:
zv ehren ... vnd seiner sch(m)erzhaften ... lassen avffrichten
(am Haus Weißenstein)

Das schräg gestellte Kreuz, an dem Jesus hängt, ist nur noch schwach zu erkennen, links und im Hintergrund zwei Soldaten, die es aufrichten.
Von der Inschrift ist noch zu lesen:
diesen fvsfall .. zv ehren dess
bitteren l(ei)d(ens Christi) vnd seiner schmerz
(haf)ten m(utter la)ssen aufrichten
hans hinrich sch(wam)born und maria
breydenassen eh(leute) zum kleinenbalken
und Hans Peter s(chwam)born junger gesell
A(nn)o (1741)
(Beginn Alte Römerstraße)

Das Relief zeigt eine Kreuzigungsgruppe mit Maria und Johannes. Es ist gerade in den letzten Jahren weiter verwittert. Die Inschrift lautet:
d(er) 7. fvsfall
diesen fussfall haben zv ehren des bitteren
leydens xti vnd seiner schmerzhaften
mutter b.m.v. lassen aufrichten
adolph fischer und hans abel psanier
ander gutthäter
A(nn)o 1741
Auch Hans Abel Spanier (nicht Psanier, wie auf dem Fußfall steht) wurde zwei Jahre nach Errichtung der Fußfälle Schöffe am Hofesgericht. Vielleicht ließe sich bei systematischer Auswertung der Hofesgerichstprotokolle sicher noch der eine oder andere Zusammenhang erkennen. Aber auch so wird deutlich, dass nach dem Unglücksjahr 1740 die wohlachtbarsten Familien des Overather Kirchspiels, zu dem damals ja auch noch die Einwohner in Marialinden und Umgebung gehörten, gleichsam als eine Art Bürgerinitiative in gemeinsamer Anstrengung diese Fußfälle errichteten.
Somit wird auch heute den Bürgern von Overath und Marialinden der Erhalt dieses Zeugnisses ans Herz gelegt.

Der Pilgerweg beginnt an der Landstraße L312 in Richtung Much ca. 700 m nach der Abzweigung der L312 von der B55. Man verlässt die L312 nach links auf der Zufahrt zum "Haus Burgfriede". Von hier an ist der Pilgerweg mit der Wegemarkierung P gekennzeichnet.
Der 1. Fußfall befindet sich auf der Straßenböschung rechts von "Haus Burgfriede". Von hier aus führt der Weg steil bergan durch den Wald, überquert nach ca. 100 m einen Wirtschaftsweg und nach nochmals ca. 120 m einen weiteren Wirtschaftsweg. Er führt weiter durch den Wald und erreicht dann nach ca. 100 m auf einem Wiesenhang einen Wirtschaftsweg, dem man nach rechts folgt. Im Ortsteil Bücherhöfchen mündet der Weg in die Dorfstraße. Hier biegt man links ab und erreicht nach ca. 50 m die Straße Weißenstein. Ihr folgt man nach rechts bergauf bis zur Kirche von Marialinden.
Der Pilgerweg ist auch in der Gegenrichtung gekennzeichnet. Er kann also auch von Marialinden aus gegangen werden. Diese Wegemarkierung beginnt an der Abzweigung der Alten Römerstraße (später Weißenstein) von der Landstraße L360 ca. 100 m vom Portal der Marialindener Kirche entfernt.
Die Standorte der einzelnen Fußfälle sind in der Karte auf Seite 15 eingezeichnet.
Herausgegeben vom Bergischen Geschichtsverein Overath e.V. in Zusammenarbeit mit den Katholischen Kirchengemeinden Overath und Marialinden. (Ausgabe: 04/2006)
Text: Jörg Poettgen
Fotos: Werner Pütz, Jörg Poettgen
Zeichnungen: Wolfgang Müller
Literatur: J. Poettgen - Die Sieben Fußfälle nach Marialinden.
Erinnerung an ein Sterbejahr vor 250 Jahren
In: Romerike Berge, Jahrgang 41 (1991), S. 5-13.
Die Wegkarte wurde vom Verkehrsverein der Stadt Overath zur Verfügung gestellt.
Diese Beschreibung ist auch als kleine Broschüre über den Bergischen Geschichtsverein Overath oder die Kath. Kirchengemeinde St. Walburga, Overath zu beziehen.
Bergischer Geschichtsverein Overath
Vergleichbare Pilgerwege:
www.st-michael-niederrotweil.de/pantaleon/kreuzweg.htm
www.pfarrgemeinde-aufkirchen.de/html/kreuzweg.html
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