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Lesung der Kreativen Schreibwerkstatt

Kultur im Walburga Haus

13. November 1998

Die Schuhe des Sohnes

  

Viele Jahre lauf ich schon,

in den Schuhn von meinem Sohn.

Der wollt sie damals nicht mehr haben

und warf sie achtlos in den Graben.

Das Bauernleben war er satt,

er wollte lieber in die Stadt.

Er kaufte sich Schuhe, so blank wie ein Spiegel,

ihr seht mich nicht wieder auf Brief und Siegel.

Ich nahm seine Schuhe voll Dreck und voll Lehm,

und anfänglich waren sie nicht sehr bequem.

Doch täglich wenn ich die Schuhe trage,

stell ich mir die bange Frage.

Wo ist mein Sohn. Wo ist er geblieben,

er hat mir noch nicht einmal geschrieben.

Den ganzen Tag maloch ich als Bauer

und abends bin ich redlich sauer.

Ich pfeif auf die Schuhe, auf Vieh und Dreck,

wenn ich meine Füße von mir streck.

Doch komme ich innerlich nicht zur Ruh,

ich denk an den Sohn mit den spiegelnden Schuh.

 

 

Helga Bordacchini

 


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