Schon am Morgen, als ich die Augen öffne, durchzieht ein Kribbeln meinen
Bauch. Ach, ja - heute abend ist es soweit!
Sobald die Familie außer Hause ist, stehe ich vor dem Spiegel und erprobe
meine Stimme. In meinem Ohr klingt es: Laut, langsam und gut artikuliert lesen! Mit
jedem Vortrag wird meine Stimme fester, lauter, sogar ein wenig übermütig.
Ein warmes Gefühl der Sicherheit durchfließt mich. Je näherjedoch
der Abend rückt, desto unruhiger werde ich. Johanniskrauttee soll Wunder wirken!
Mit der Zeit treffen alle Teilnehmerinnen unserer Schreibgruppe im Walburgahaus
ein. Geschäftiges Treiben läßt die eigene Nervosität vergessen.
Warmes Kerzenlicht von Weinlaub umgeben auf jedem Tisch.
Bei der Generalprobe heißt es erneut: Langsamer - lauter - die Endungen
nicht verschlucken! Bis wir die Schuhe, unsere Assoziationsobjekte, auf der Staffelei
plaziert haben, dauert eine Ewigkeit. Was soll das bloß werden?
Nach und nach füllt sich der Saal. Eifriges Stühlerücken, erwartungsvolle
Blicke. Jetzt fehlt nur noch Frauke, unsere Querflötenspielerin. Die Zeit vergeht.
Fünf Minuten - zehn! - die Spannung steigt. Marianne übernimmt die Regie
und beginnt ihre einführenden Worte. Herr Poettgen, Leiter der VHS, schließt
sich an.
Leise geht die Türe auf - ein Aufatmen - Frauke! Es ist soweit!
Umgeben von einem wohlwollend, aufmerksamen Publikum, aufgefangen in der Gruppe,
wächst unsere Sicherheit von Beitrag zu Beitrag. Häuftger Zwischenapplaus
schafft eine lockere Atmosphäre und ermutigt uns, immer freier vorzutragen.
Die Flötistin -mit dem natürlichem Charme ihrer 14 Jahre - untermalt unsere
Texte.
Besinnliche Herbstgedanken, fröhliche Elfchen wechseln mit Mundart und Prosatexten.
Die bunte Vielfalt des Programms findet Anklang bei den Zuhörern. Der Tisch
mit den Texten zum Nachlesen leert sich und unser Sparschwein braucht nicht zu fasten.
Für Marianne ein Rose von jedem Gruppenmitglied, gemeinsames Aufräumen,
und wir alle geh'n mit einem Gefühl der Hochstimmung nach Hause.