Schwarzbehütete,
dein Geheimnis verborgen -
Rotsiegellippen
"Liebe Unbekannte!
September. Heute morgen bin ich Dir begegnet, als ich das Kalenderblatt abriß.
Mich faszinieren Hüte, sie machen ein Geheimnis aus jeder Frau. Was ist Dein
Geheimnis?
Willst Du mir Deine Geschichte erzählen?
Der Rauch meiner Zigarette webt einen feinen Schleier über Dein ernstes, weißes
Gesicht. Ich will ihn lüften. Das Lexikon hilft mir dabei:
Das Original Deines Bildes hängt in der Eremitage von St. Petersburg.
Welch wundervoller Platz! Ich höre die Wellen der Newa ein schwermütiges
Lied zu Deiner Geschichte singen. 1908 bist Du gemalt worden, jung und schön.
Sicher hattest Du ein angenehmes Leben. Du warst keine arme Frau, das zeigt Deine
elegante Bekleidung. Sie verrät Deinen materiellen Reichtum. Doch was hältst
Du verborgen unter Deiner beherrschten Maske? Was verschweigt Dein hochmütiger
Mund? Für wen bist Du gemalt worden? Für Deinen wohlhabenden Ehemann, der
Dich besaß wie einen wertvollen Gegenstand, und der Dein Bild wie einen seltenen
Schmetterling in seine Sammlung einreihen wollte? Liebtest Du diesen Mann? Oder ist
Deine sichtbare Kühle der Vorhang über einer tragischen Szenerie? Hast
Du Dich während endloser Sitzungen in den Maler verliebt? In dieser Intimität
des gegenseitigen, stundenlangen Anschauens? Doch eher Nein - denn sonst wäre
Dein Blick nicht so kalt. Oder ist er die Tarnung, weil Du es ihm nicht zeigen darfst?
Du bist eine ehrbare Frau! Vielleicht denkst Du an das tragische Los der Anna Karenina,
von dem Du gerade gelesen hast? Das Buch hat großes Aufsehen gemacht in Deinen
Kreisen. 1877 hat Tolstoi es vollendet, da warst Du noch ein Kind. Nun bist Du alt
genug, es zu lesen, und es liegt gut versteckt unter Deinem Kopfkissen.
Vielleicht war aber auch alles ganz anders, und der Maler war unglücklich
in Dich verliebt? Darum hat er Dich so unnahbar , unerreichbar gemalt? Er bewundert
Dich maßlos - grenzenlos... Leer wird sein Leben sein, wenn Du gegangen bist,
Dein Bild in große Tücher gehüllt, von einer vornehmen Kutsche abgeholt
sein wird. Er wird sich an diesem Abend betrinken, unbeherrscht und ohne Maß.
Sein Atelier wird unbeleuchtet sein in der Nacht, nur schwermütige Schatten
seine Gefährten. Am nächsten Tag kommt vielleicht eine andere schöne
Frau, vielleicht eine neue Verliebtheit - so wie es bei Künstlern möglich
ist, immer und immer wieder.
Du hast an diesem Abend, als das Bild in Eurem Haus angekommen ist,
mit Deinem Mann am prächtig gedeckten Tisch gesessen und ein besonders gutes
Glas Wein mit ihm getrunken. Die Kinder sind zu Bett gebracht, die Freunde gegangen.
Dein Mann ist frisch verliebt in Dich, wohl mehr in die schöne Fremde, die nun
die seidene Tapete über ihm ziert. Er spürt Dein Geheimnis und will es
Dir entreißen. Du blickst undurchdringlich von da oben auf ihn herab. Deine
lebendige Hand hält ihm ihr Glas entgegen und läßt sich einschenken.
Sie zittert nicht.
Dein Geheimnis hast Du mit ins Grab genommen. Ich hoffe es wenigstens.
Es würde mir leid tun, wenn es Dir noch Ungemach bereitet hätte! Du bist
nun schon so lange tot...
XXX."