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Lesung der Kreativen Schreibwerkstatt

Kultur im Walburga Haus

13. November 1998

Letzte Sommertage

  

Die Hitze stand vor der Terrassentür und traf mich wie der Atem eines feuerspeienden Drachen. Das war kein Morgen um im Garten zu frühstücken. In den Mauern des alten Hauses, besonders in der nach Norden gelegenen Küche herrschte eine angenehme Temperatur. Es war so kühl, daß sich die feinen, sommerblonden Härchen auf meinen Armen, Zeichen endloser Sonnentage, schaudernd aufstellten.Lustlos war ich und sehr allein. Wochen lagen vor mir, an die ich nicht denken mochte. Philipp und Frank waren heute morgen zu ihrem lange geplanten Amerikatrip aufgebrochen und hatten mich als die Hüterin des Hauses zurückgelassen. Jeder Tag wird nun dem vorigen gleichen - viele Wochen lang. Faul werde ich im Liegestuhl liegen, die flirrenden grünen Schatten suchend, mit Angst vor der Hitze, die nackte Haut so begehrlich macht, Angst vor der Sonne, die den Verstand dahinschmelzen läßt wie Butter auf braunem Toast.

Es klingelte. So früh am Morgen - wer konnte das sein? Mir war etwas unheimlich und ich fühlte mich viel zu spärlich bekleidet um an die Tür zu gehen. Unfrisiert, barfuß, in enger Radlerhose und knappem Top ging ich zögernd hinaus, schaute zum Gartentor und drückte auf den Summer. Wünschte ich, ich wäre nicht gegangen? Hätte so getan, als wäre niemand zu Hause?Darüber bin ich mir heute nicht im Klaren. Ich stürzte kopfüber in den heißen Tag - in den ganzen glühenden Sommer mit Torsten S.! Das war besiegelt in der ersten Minute und ich schwöre, daß ich bis dahin nicht wußte, daß ich so etwas kann: Genießen ohne jede Reue und - lügen!

Philipp rief jeden zweiten Abend aus Boston an, war besorgt und zärtlich. Frank bedauerte seine arme Mutter, die so einsam war. Ich nahm alles an, ohne schlechtes Gewissen. Das schlief tief und fest in diesen heißen Tagen. Ich war die selbstlose Frau und Mutter, die auf Haus und Hof aufpaßte, während die Herren sich amüsierten. Nur einmal erwähnte ich kurz und beiläufig, daß ein Freund von Frank ihn auf der Durchreise besuchen wollte und enttäuscht war, ihn nicht angetroffen zu haben. Frank hatte gelacht: "Ach der, das ist typisch! Der meldet sich monatelang nicht, und dann meint er, es ist toll, jemanden einfach so zu überraschen."

In diesem anstrengenden Sommer nahm ich mindestens zehn Kilo ab. Philipp würde sich wundern und amüsieren und geschmeichelt sein, daß ich mich so in Sehnsucht verzehrt hatte. Torsten war jung, unverschämt und unbekümmert. Er riß mich mit und lachte die wenigen vorhandenen Bedenken hinweg. Hitze und lange Abende vergingen und der Tag kam immer näher, an dem mein altes Leben wieder beginnen mußte, als wäre nichts geschehen. Wann setzte mein Verstand wieder ein und machte mir klar, daß dies ein gefährliches Spiel war? Es mußte ein Ende haben, ohne daß ich die Verliererin war. Ich begann, mich zurückzunehmen, und als er nicht begreifen wollte, befiel mich leise Ungeduld. Mit der brennenden Sonne war die Begehrlichkeit untergegangen wie in einem abendstillen Meer. Was wollte dieser Fremde in meinem Bett? Mir wurde zunehmend unbehaglicher, weil er einfach nicht gehen und immer noch einen Tag herausschinden wollte.

Und dann war es geschehen. Eines Tages fiel die Tür hinter ihm zu. Viel Zeit blieb mir nicht, um mein Gleichgewicht wiederzufinden. Und doch war mir leicht und frei zumute. In den leeren stillen Zimmern fühlte ich mich endlich wieder zu Hause.

 

 

WALTRAUD ROHRMOSER

 


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