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Lesung der Kreativen Schreibwerkstatt

Kultur im Walburga Haus

13. November 1998

Meine ersten Schuherlebnisse

  

Als Kriegskind in einer kinderreichen Familie aufgewachsen, wurde ich bereits in den ersten Lebensjahren mit Verzicht und Sparsamkeit konfrontiert.

Kleider und Schuhe waren Mangelware und für mich als jüngstes Kind war es nichts ungewöhnliches, viele meiner Kleidungsstücke aus 2. Hand zu beziehen. Die Schuhe meiner Brüder waren mir viel zu groß, doch mit eingelegten Sohlen oder Zeitungspapier wurden sie kurzerhand gebrauchsfähig gemacht.

In dieser Zeit trug man die Marken- bezeichnungen nach innen und Namen wie FILA und LACOSTE waren noch unbekannt.

Das erste beeindruckendste Schuherlebnis beschied mir die amerikanische Besatzung. In dem besetzten Haus meines Großvaters fand ich ein Paar abgestellte Militär-Filzstiefel. Ein reicher Fund in dieser Zeit. Diese Filzstiefel waren aus einem Stück geformt, ohne Nähte, Absätze und Sohlen und die Größe war auf ausgewachsene Männerfüße abgestimmt.

Glücklich stolzierte ich mit ungewohntem Gang nach Hause. Es muß ungewöhnlich ausgesehen haben. Aber von diesen Stiefeln war ich in den folgenden Wochen nicht abzubringen.

Mein nächstes Schuhwunder waren die von meinem Vater selbst hergestellten Ledersandalen. Sie zwickten und klemmten so sehr, daß sich dicke Blasen bildeten. Dennoch liebte ich sie heiß und innig und trug sie bis zu ihrem totalen Zerfall.

Mein größter Wunsch waren Gummistiefel. Es dauerte lange bis sich dieser Traum endlich erfüllte. Mein Bruder beschaffte mir ein abgelegtes Paar von seinem Freund. Ungeachtet der Schadstellen und der unpassenden Größe sah ich nur die ersehnten Stiefel aus Gummi. Sie hatten für mich, wenn auch nur für kurze Zeit, einen unschätzbaren Wert.

Ein Uberbleibsel dieser Kindheitsprägung ist offenbar auch nach Jahrzehnten haften geblieben. Man behauptet noch heute, ich hätte "Gummifüße" die in jegliche Schuhe hineinpassen.

 

 

Rosel Lieverscheidt
Schreibkurs März 1998

 


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