Als Kriegskind in einer kinderreichen Familie aufgewachsen, wurde ich
bereits in den ersten Lebensjahren mit Verzicht und Sparsamkeit konfrontiert.
Kleider und Schuhe waren Mangelware und für mich als jüngstes
Kind war es nichts ungewöhnliches, viele meiner Kleidungsstücke aus 2.
Hand zu beziehen. Die Schuhe meiner Brüder waren mir viel zu groß, doch
mit eingelegten Sohlen oder Zeitungspapier wurden sie kurzerhand gebrauchsfähig
gemacht.
In dieser Zeit trug man die Marken- bezeichnungen nach innen und Namen
wie FILA und LACOSTE waren noch unbekannt.
Das erste beeindruckendste Schuherlebnis beschied mir die amerikanische
Besatzung. In dem besetzten Haus meines Großvaters fand ich ein Paar abgestellte
Militär-Filzstiefel. Ein reicher Fund in dieser Zeit. Diese Filzstiefel waren
aus einem Stück geformt, ohne Nähte, Absätze und Sohlen und die Größe
war auf ausgewachsene Männerfüße abgestimmt.
Glücklich stolzierte ich mit ungewohntem Gang nach Hause. Es muß
ungewöhnlich ausgesehen haben. Aber von diesen Stiefeln war ich in den folgenden
Wochen nicht abzubringen.
Mein nächstes Schuhwunder waren die von meinem Vater selbst hergestellten
Ledersandalen. Sie zwickten und klemmten so sehr, daß sich dicke Blasen bildeten.
Dennoch liebte ich sie heiß und innig und trug sie bis zu ihrem totalen Zerfall.
Mein größter Wunsch waren Gummistiefel. Es dauerte lange
bis sich dieser Traum endlich erfüllte. Mein Bruder beschaffte mir ein abgelegtes
Paar von seinem Freund. Ungeachtet der Schadstellen und der unpassenden Größe
sah ich nur die ersehnten Stiefel aus Gummi. Sie hatten für mich, wenn auch
nur für kurze Zeit, einen unschätzbaren Wert.
Ein Uberbleibsel dieser Kindheitsprägung ist offenbar auch nach
Jahrzehnten haften geblieben. Man behauptet noch heute, ich hätte "Gummifüße"
die in jegliche Schuhe hineinpassen.