Egal ob ich morgens, mittags oder abends die Kreuzung überquerte, immer stand
er dort. Nur einmal war ich sehr früh, und mein Blick schweifte vergebens umher.
Ich bog an der Kreuzung links ab Richtung Autobahn, und nach ca. 1 km sah ich ihn
den Berg hinaufstapfen. Weit ausholenden Schrittes, leicht vorgebeugt, bepackt mit
zwei Tüten, eilte er seinem Zuhause entgegen. wo hatte er wohl die Nacht verbracht?
An der Kreuzung, auf einer schmalen Wiesenböschung unter Tannen, angrenzend
an einen Gartenzaun, hatte er sich häuslich eingerichtet mit einem Sessel und
allerlei Geräten, die andere als "Plunder" wegwerfen.
Während der kurzen Rotphase der Ampel beobachtete ich ihn aus den Augenwinkeln.
Aufgestützt auf einen Stromkasten, in der rechten Hand eine Bierflasche, stand
er und bewegte die Lippen. Manchmal streckter er den linken Arm weit vor - schien
auf etwas zu deuten, sein Blick weit entrückt. Streifte er zufällig mein
Gesicht, war mir nicht klar - sieht er mich, oder schaut er durch mich hindurch?
Nach und nach breitete er seine Bleibe stets ein wenig mehr aus. Den Stadtvätern
ein Dorn im Auge, räumte man von Zeit zu Zeit sein Freiluftzuhause. Domestizieren
ließ er sich nicht. Immer wieder kehrte er zu "seiner Kreuzung" zurück.
Spätabends wartete ich gestern wieder an der Ampel - ich konnte kein Zuause
mehr entdecken, nur einen rechteckigen, grauweißen Stein hinter einem flackernden,
roten Licht.
Zuhause blätterte ich die Zeitung der vergangenen Woche durch, und dann las
ich:
"...... Sonderling "Carlos" von Intercity erfaßt."