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Lesung der Kreativen Schreibwerkstatt

Kultur im Walburga Haus

13. November 1998

Carlos

   

Egal ob ich morgens, mittags oder abends die Kreuzung überquerte, immer stand er dort. Nur einmal war ich sehr früh, und mein Blick schweifte vergebens umher. Ich bog an der Kreuzung links ab Richtung Autobahn, und nach ca. 1 km sah ich ihn den Berg hinaufstapfen. Weit ausholenden Schrittes, leicht vorgebeugt, bepackt mit zwei Tüten, eilte er seinem Zuhause entgegen. wo hatte er wohl die Nacht verbracht?

An der Kreuzung, auf einer schmalen Wiesenböschung unter Tannen, angrenzend an einen Gartenzaun, hatte er sich häuslich eingerichtet mit einem Sessel und allerlei Geräten, die andere als "Plunder" wegwerfen.

Während der kurzen Rotphase der Ampel beobachtete ich ihn aus den Augenwinkeln. Aufgestützt auf einen Stromkasten, in der rechten Hand eine Bierflasche, stand er und bewegte die Lippen. Manchmal streckter er den linken Arm weit vor - schien auf etwas zu deuten, sein Blick weit entrückt. Streifte er zufällig mein Gesicht, war mir nicht klar - sieht er mich, oder schaut er durch mich hindurch?

Nach und nach breitete er seine Bleibe stets ein wenig mehr aus. Den Stadtvätern ein Dorn im Auge, räumte man von Zeit zu Zeit sein Freiluftzuhause. Domestizieren ließ er sich nicht. Immer wieder kehrte er zu "seiner Kreuzung" zurück.

Spätabends wartete ich gestern wieder an der Ampel - ich konnte kein Zuause mehr entdecken, nur einen rechteckigen, grauweißen Stein hinter einem flackernden, roten Licht.

Zuhause blätterte ich die Zeitung der vergangenen Woche durch, und dann las ich:

"...... Sonderling "Carlos" von Intercity erfaßt."

 

 

Christa Bühler
April 1998

 


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