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Du, Frau mit dem schwarzen Hut
Besuch in der Eremitage in St. Petersburg |
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Drei Millionen Exponate, achttausend Besucher pro Tag, Gänge und Säle,
kilometerlang. Meine Füße sind geschwollen. Leonardo da Vinci unter gläserner
Kuppel, strenge niederländische Meister vor seidenen Tapeten. Mich fröstelt
unter Schlachtgetümmel, Gänsehaut kriecht über schweißnasse
Haut.Ab und zu ein gekipptes Oberlicht, zum Glück. Mit jeder Menschentraube,
die sich um ein Papierfähnchen gruppiert, ziehen auch deren Ausdünstungen
ab. Neue Gerüche umwehen Skulpturen aus Stein und Bronze und steigen ungeniert
zum strahlenden Gold der Kassettendecken. Orientalischer Knoblauchatem, schweres
Parfüm unter indischen Saris; wir Deutschen rümpfen die Nasen. Und recken
die Hälse. Otto aus Lahnstein geht sogar auf die Knie wie ein Hund, aber er
hat ihn wenigstens gesehen den kostbaren Parkettboden, wenn auch nur durch die Beine
der anderen.
Auch ich beuge mich vor, aber nicht wegen des Parkettbodens, sondern weil mein
Rücken schmerzt. In der Hoffnung auf Entlastung lehne ich mich gegen einen weinroten
Samtvorhang. Im gleichen Moment beriihren kalte knochige Finger meinen nackten Arm.
Ich zucke zusammen. Auf dem Stuhl neben mirsitzt eine Statue in kakaofarbener Uniform,
die Beine mit den dicken braunen Strümpfen sindrechtwinklig abgestellt. Unter
dem grauen Nackenknoten ist der Kragen zerschlissenen, die wässrigen Augen ixn
Gesicht aus Pergamentpapier sind längst erloschen, nur die Skelettfinger bedeuten
mir noch einmal, vom Vorhang wegzutreten. Bin ich in einem Geisterkabinett gelandet?
Doch wie in Zeitlupe hebt sich die eingefallene Brust und mit ihr all die Abzeichen
und Orden mit Hammer und Sichel, mit dem roten fünfzackigen Stern und mit der
verschnörkehen Schrift. Wahrscheinlich sitzt sie seit Jahrzehnten auf diesem
Stuhl, ungeachtet des jeweiligen Regimes, ausgezeichnet und geehrt, zuxn Kunstwerk
geworden.
Impressionisten, Expressionisten, Beutekunst, edle Geschirre, Treppenaufgänge
wie ich sie mir prunkvoller nicht erträutnen kann. In den Ohren babylonisches
Sprachengewirr, Geschichten und Anekdoten. Plötzlich eine gellende Frauenstimme,
"Ottooo, wooo büist duuu?" und die Familienchronik Peters des Großen
wird uninteressant. Hat er sich etwa aus dem Staub gemacht, der schlaue Otto? Bitte
meine Damen und Herren, nun bitteschön Aufinerksamkeit fiir die letzte Etage..."
Anuschka" schwenkt ihr Fähnchen. Diesmal finde ich eine Fenstemische ohne
Vorhang, der gähnende Wärte scheint nichts dagegen zu haben, daß
ich mich anlehne und die Schuhe abstreife. Sein Augenzwinkern zeigt Verständnis
dafiir, daß ich nichts mehr sehen will. Doch bevor ich die Augen schließe,
trifft mich von der gegenüberliegenden Wandseite ihr Blick aus silbemem Rahmen.
Das hat mir gerade noch gefehlt, dieses hochmütige zurechtweisende Lächeln!
Erschrocken fahre ich durch die verschwitzten Haare, taste über die klebrige
Gesichtshaut und zupfe die Bluse zurecht.
Sie ist smaragdgrün. "Modefarbe," hatte die Verkäuferin in
Köln gesagt, "Sie sollten einen Hut dazu tragen, einen schwarzen Hut. Sie
haben ein ausgesprochenes Hutgesicht." Bestimmt ist das Augen Make-up total
verschmiert. Wie ein ertapptes Kind greife ich in die Handtasche nach dem Lippenstift
und ziehe mir im Glas der milchigen Fensterscheibe die Lippen nach. Bitte rneine
Damen und Herren, bitteschön, um eine letzte Aufinerksamkeit..." Anuschkas
Stimme" dringt durch Watteberge. "Was mag den Künstler um die Jahrhundertwende
bewogen haben, dieses Bild zu malen? - Schauen Sie, dort drüben die Dame, wie
Sie arn Fenster lehnt..." Ein Ruck geht durch die Zuhörernmde, alle starren
mich an, Räte steigt die Wangen hoch, und ganz nah dröhnt ein Männerbaß,
Tatsächlich, wenn sie noch einen Hut auf hätte - das gleiche Gesicht -
als wollte es sagen, Ihr könnt "mich alle mal, jetzt reicht`s..."
Aber Ottooo!"
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Marianne Bruns
1998
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