Wie, Sie kennen Herrn Mälzel nicht?!
Johannes Nepomuk Mälzel.
Zeitfanatiker, Erfinder!
Zeitgenosse Napoleons, Goethes, E.T.A. Hoffmanns oder des Andreas Hofer
zum Beispiel.
Im gleichen Jahr, in dem Schubert Goethes Heideröslein vertont, Sie wissen schon.....Sah
ein Knab ein Röslein stehn.....
genau: 1815 erfindet Herr Mälzel jenes Instrument um das es hier geht.
Das Mälzelsche Metronom, abgekürzt M.M.
Wobei bei näherem Hinsehen gar nicht Herr Mälzel sondern
der Amsterdamer Mechaniker Winkel der Urheber dieser Zeitmessmaschine ist.
Das ist juristisch erwiesen und aktenkundig.
Doch zurück zu Johannes Nepomuk.
Wenn Sie ihn noch immer nicht kennen, hilft ein Blick ins Lexikon:
"Gerät mit einer Skala, das im eingestellten Tempo zur
Kontrolle mechanisch den Takt schlägt" ,
kann dort lesen, wer unter dem Stichwort "Metronom" Rat sucht.
"Die Zahlen geben die Anzahl der Taktschläge pro Minute an".
Viertel = M.M. 60 bedeutet folgerichtig: sechzig Viertelschläge
pro Minute, anders ausgedrückt, pro Sekunde ein Schlag.
"Mit Hilfe dieser Angaben und eines Metronoms kann ein Tempo
absolut realisiert werden". Zitat Ende.
Demnach ist die musikalische Mälzel-Zeiteinheit, ebenso wie die
olympische, objektiv messbar bis zur xten Stelle hinter dem Komma.
Zeit ist nicht mehr relativ, denn ein Metronom hier, eines in Timbuktu und ein drittes
in Hintertupfingen werden exakt zur gleichen Zeit nach rechts und links ausschlagen
und nicht einen Wimpernschlag voneinander abweichen.
Werden sie?!?
György Ligeti, Zeitgenosse Barlachs, Alban Bergs, Bert Brechts
oder T.S. Eliots und genau 107 Jahre nach Erfindung des tickenden Pendelchronometers
im heutigen Rumänien geboren, wußte es besser.
Er schickt an einem lauen Spätsommerabend eine handvoll junger
Musikstudenten samt ihren M.M.'s auf "Zeitreise".
Alle versammelten Mälzel'schen Quälmaschinen auf exakt die gleiche Schlagzahl
pro Minute, bleiben wir mal bei 60, gestellt sollen wie kleine mechanische
Gleichschrittsoldaten auch im Gleichtakt schlagen. Eine zeitlang geht es gut:
Tick-tack-tick-tack-tick-tack.
Aber bereits einen tick später ist es vorbei mit der Gleichzeitigkeit.
Die Zeit kommt aus dem Tritt.
Sie gerät ins Stolpern.
Strauchelt und fällt schließlich aus dem Rahmen.
Nicht zwei M.M.s schlagen zur gleichen Zeit, das gleiche tick-tack.
Zuerst fällt nur eines aus der Reihe, tick- tack- tack-tick-tick- -tick-tack.
Dann will ein zweites eigene Wege gehen und ein weiteres tut es ihm nach.
Am Ende erfüllt ein undurchdringlicher Klangteppich von Klopfgeräuschen
den Raum, tick-tackt sein Echo an die Wand und straft alle Lügen, die an die
Absolutheit des Tempos glauben.
Zeit ist eben doch relativ relativ.