Mit dem Zettel in der Hand lief ich die Stufen hinunter. Eva hatte
auf Polnisch aufgeschrieben, was ich einkaufen wollte: drei Sesambrötchen, eine
Flasche Wasser mit Gas, ein Päckchen Quark und eine Tüte Frischmilch.
Das Lädchen befand sich gleich neben dem großen Mietshaus,
in dem wir drei Freundinnen während unseres Aufenthalts in Polen wohnten. "Sklep"
stand in großen Buchstaben über der Ladentür. Ich hatte schon wieder
vergessen, was "Guten Morgen" auf Polnisch heißt. Darum nickte ich
der Verkäuferin, die hinter der hölzernen Theke stand, nur freundlich zu.
Wortlos legte ich meinen Einkaufszettel vor sie hin. Sie nahm ihn, schaute mich kurz
skeptisch an, begann aber dann, die Sachen zusammen zu suchen.
Eine kleine, zarte Frau mit weißem Haarknoten und lederner Haut
gesellte sich zu mir. Sie musterte mich aufmerksam. Aus zahnlosem Mund lächelte
sie mich an. Als ich zurücklächelte ergoß sie einen polnischen Redeschwall
über mich. Ich hörte eine Weile zu, zuckte dann mit den Schultern und sagte:
"Ich kann Sie leider gar nicht verstehen". "Ach so", sagte sie
dann in klarstem Deutsch, "deshalb waren Sie so stumm. Ich kann Sie gut verstehen.
Mit meiner Großmutter habe ich immer Deutsch gesprochen."
Innerhalb der nächsten Minuten erfuhr ich von der alten Frau,
dass ihre Vorfahren bis 1803 an der Mosel gelebt hatten und vor Napoleon hierher
nach Pommern geflohen waren. Vier Kinder, 9 Enkel und 15 Urenkel hatte sie jetzt.
Einige ihrer Nachkommen leben heute in Italien, Deutschland und Dänemark. Sie
selbst hat Pommern nie verlassen, ganz gleich ob es deutsch oder polnisch regiert
wurde. Und sie schien glücklich zu sein.
Inzwischen hatte die Verkäuferin alles zusammengestellt. Ich bezahlte
und nahm die Sachen. Zum Glück ließ mich mein Gedächtnis jetzt nicht
im Stich und ich sagte zum Abschied laut: "Dowidzenia".