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Zeitlebens-Lebenszeit

Lesung der Kreativen Schreibwerkstatt

Verständigung

Angelika Grewe

Verständigung

   

Mit dem Zettel in der Hand lief ich die Stufen hinunter. Eva hatte auf Polnisch aufgeschrieben, was ich einkaufen wollte: drei Sesambrötchen, eine Flasche Wasser mit Gas, ein Päckchen Quark und eine Tüte Frischmilch.

Das Lädchen befand sich gleich neben dem großen Mietshaus, in dem wir drei Freundinnen während unseres Aufenthalts in Polen wohnten. "Sklep" stand in großen Buchstaben über der Ladentür. Ich hatte schon wieder vergessen, was "Guten Morgen" auf Polnisch heißt. Darum nickte ich der Verkäuferin, die hinter der hölzernen Theke stand, nur freundlich zu. Wortlos legte ich meinen Einkaufszettel vor sie hin. Sie nahm ihn, schaute mich kurz skeptisch an, begann aber dann, die Sachen zusammen zu suchen.

Eine kleine, zarte Frau mit weißem Haarknoten und lederner Haut gesellte sich zu mir. Sie musterte mich aufmerksam. Aus zahnlosem Mund lächelte sie mich an. Als ich zurücklächelte ergoß sie einen polnischen Redeschwall über mich. Ich hörte eine Weile zu, zuckte dann mit den Schultern und sagte: "Ich kann Sie leider gar nicht verstehen". "Ach so", sagte sie dann in klarstem Deutsch, "deshalb waren Sie so stumm. Ich kann Sie gut verstehen. Mit meiner Großmutter habe ich immer Deutsch gesprochen."

Innerhalb der nächsten Minuten erfuhr ich von der alten Frau, dass ihre Vorfahren bis 1803 an der Mosel gelebt hatten und vor Napoleon hierher nach Pommern geflohen waren. Vier Kinder, 9 Enkel und 15 Urenkel hatte sie jetzt. Einige ihrer Nachkommen leben heute in Italien, Deutschland und Dänemark. Sie selbst hat Pommern nie verlassen, ganz gleich ob es deutsch oder polnisch regiert wurde. Und sie schien glücklich zu sein.

Inzwischen hatte die Verkäuferin alles zusammengestellt. Ich bezahlte und nahm die Sachen. Zum Glück ließ mich mein Gedächtnis jetzt nicht im Stich und ich sagte zum Abschied laut: "Dowidzenia".
 

 

Angelika Grewe
Oktober 2000

 


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