Die Nacht, in ihrer fremden Stille, empfand das Kind wie eine kalte,
bedrohliche Hand, die sich nach ihm ausstreckte, es festhielt in dem weichen, neuen
Bett und das zur Falle machte. Ihm war, als hörte es die Mutter im Nebenzimmer
weinen. Papa, der Soldat, war am Abend in die Kaserne gezogen, sein Bett leergeblieben
in dieser Nacht. Gisela hatte Angst. Aufdringlich glotzte der volle, runde Mond durch
Fenster und legte eine Schicht pudrigen Silbers über den unvertrauten Raum.
Es war viel zu still. Dem kleinen Mädchen fehlten die asthmatisch keuchenden
Straßenbahnen, die zuhause in der großen Stadt rasselnd alle fünfzehn
Minuten um die Ecke gebogen waren und ein raues Schlaflied gesungen hatten. Es hielt
die Stille nicht mehr aus, kletterte aus dem Bett, schlich zur angelehnten Tür,
stand regungslos und horchte. Ein Fenster klapperte überlaut. Aus dem Bett der
Mutter kam kein Geräusch. Hatte sie das Kind gehört und hielt den Atem
an? So leise wie möglich ging Gisela rückwärts, kroch lautlos wieder
in ihr Bett. Sie fühlte, dass es der Mutter nicht helfen konnte. Hatte Angst
vor ihrer Angst. Jede für sich musste sie hinter sich bringen, diese erste Nacht
in G., nach dem großen Umzug.
Am nächsten Morgen wachte Gisela spät auf, noch waren Ferien.
Die Mutter saß auf dem Bettrand, mit riesengroßen Augen, als hielte sie
mühsam Tränen zurück. Sie wusste, dass es schlimm wäre für
das Kind, sie weinen zu sehen. Aber ihr trauriges Gesicht genügte, Gisela die
Erinnerung an die vergangene Nacht wieder hervorzurufen, obwohl doch alles jetzt
so friedlich war in dem schönen, hellen Zimmer mit der himmelblauen Tapete.
An dem offenen Fenster bauschte sich sacht die dünne, weiße Gardine. Unten
ratterte ein Holzroller die steile Gotthardstraße hinunter, und eine Kinderstimme
imitierte "reng - reng" ein lautes Motorengeräusch. Gisela wünschte
sich hinunter zu zaubern auf den Roller, hinter das unbekannte Kind. Der Wind würde
in ihren Haaren zausen und sie beide glauben machen, dass sie fliegen könnten.
Sie wollte nicht allein sein mit der Mutter und der Bedrohung, die von ihrer Angst
ausging.Wild sehnte sie sich nach Oma und den Tanten, die in der großen Stadt
geblieben waren - so unerreichbar weit weg Aber zaubern, ach, das kam nur in ihren
Märchenbüchern vor. Sie musste den Tag und die Mama und das Alleinsein
aushalten.
Die erwachsene Gisela weiß heute, dass der unheimliche Morgen
das Datum des ersten September 1939 trug, ein strahlender, blitzeblauer Spätsommermorgen,
der noch einmal einen heißen Tag versprach.