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Zeitlebens-Lebenszeit

Lesung der Kreativen Schreibwerkstatt

Der Umzug

Waltraud Rohrmoser

Der Umzug

   

Die Nacht, in ihrer fremden Stille, empfand das Kind wie eine kalte, bedrohliche Hand, die sich nach ihm ausstreckte, es festhielt in dem weichen, neuen Bett und das zur Falle machte. Ihm war, als hörte es die Mutter im Nebenzimmer weinen. Papa, der Soldat, war am Abend in die Kaserne gezogen, sein Bett leergeblieben in dieser Nacht. Gisela hatte Angst. Aufdringlich glotzte der volle, runde Mond durch Fenster und legte eine Schicht pudrigen Silbers über den unvertrauten Raum. Es war viel zu still. Dem kleinen Mädchen fehlten die asthmatisch keuchenden Straßenbahnen, die zuhause in der großen Stadt rasselnd alle fünfzehn Minuten um die Ecke gebogen waren und ein raues Schlaflied gesungen hatten. Es hielt die Stille nicht mehr aus, kletterte aus dem Bett, schlich zur angelehnten Tür, stand regungslos und horchte. Ein Fenster klapperte überlaut. Aus dem Bett der Mutter kam kein Geräusch. Hatte sie das Kind gehört und hielt den Atem an? So leise wie möglich ging Gisela rückwärts, kroch lautlos wieder in ihr Bett. Sie fühlte, dass es der Mutter nicht helfen konnte. Hatte Angst vor ihrer Angst. Jede für sich musste sie hinter sich bringen, diese erste Nacht in G., nach dem großen Umzug.

Am nächsten Morgen wachte Gisela spät auf, noch waren Ferien. Die Mutter saß auf dem Bettrand, mit riesengroßen Augen, als hielte sie mühsam Tränen zurück. Sie wusste, dass es schlimm wäre für das Kind, sie weinen zu sehen. Aber ihr trauriges Gesicht genügte, Gisela die Erinnerung an die vergangene Nacht wieder hervorzurufen, obwohl doch alles jetzt so friedlich war in dem schönen, hellen Zimmer mit der himmelblauen Tapete. An dem offenen Fenster bauschte sich sacht die dünne, weiße Gardine. Unten ratterte ein Holzroller die steile Gotthardstraße hinunter, und eine Kinderstimme imitierte "reng - reng" ein lautes Motorengeräusch. Gisela wünschte sich hinunter zu zaubern auf den Roller, hinter das unbekannte Kind. Der Wind würde in ihren Haaren zausen und sie beide glauben machen, dass sie fliegen könnten. Sie wollte nicht allein sein mit der Mutter und der Bedrohung, die von ihrer Angst ausging.Wild sehnte sie sich nach Oma und den Tanten, die in der großen Stadt geblieben waren - so unerreichbar weit weg Aber zaubern, ach, das kam nur in ihren Märchenbüchern vor. Sie musste den Tag und die Mama und das Alleinsein aushalten.

Die erwachsene Gisela weiß heute, dass der unheimliche Morgen das Datum des ersten September 1939 trug, ein strahlender, blitzeblauer Spätsommermorgen, der noch einmal einen heißen Tag versprach.

  

 

Waltraud Rohrmoser

 


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