Goethe 250 Jahre

Kultur im Walburga Haus

Goethe Abend

Maiglöckchen im Park

Weimar, am 31. Mai 1791

Theuerste Cousine Wilhelmine!

Einmal mußte dieser schreckliche Tag zu Ende gehen! Jede Stunde davon war mir eine QuaL Mein Leben ist aus den Fugen. Ich fühle nichts mehr als den heißen Wunsch, Dir, allerliebste Freundin, mein Herz auszuschütten. Ich plaudere damit ein strenggehütetes Familiengeheimnis aus - Gott und die Mama mögen mir verzeien!

Alles fing damit an, daß Mama mich gestern morgen feierlich in die gute Stube bat, um mir zu sagen, daß der ehrenwerte Herr Uhrmachermeister Gustav Hanebeck seine Aufwartung gemacht und um meine Hand gebeten hätte. Das war ein Schock, Wilhelmine! Warum soll ich denn so plötzlichheiraten? Ich mag das nicht verstehen! Es ist doch friedlich und schön mit uns dreien, der Mame, Angela und mir. Er ist schon so alt der Hanebeck, einunddreißig ist er, und ich bin im vorigen Monat sechzehn geworden, gerade trage ich den ersten Hut! Ach, der ist süß, Wilhemine, hoch, wie es jetzt die Mode aus England vorschreibt, mit einer geschwungenen Krempe rundherum. Gar artig sitzt er auf meinen wilden Locken, und vorn wippt eine lustige Feder bei jedem Schritt fast auf meine Nasenspitze.

Da schwärme ich Dir jetzt von meinem neuen Hut, und ist doch mein Herz so schwer! Ein rechtes Kind bist du noch, sagt Angela mindestens einmat jeden Tag und kehrt damit so richtig die große Schwester heraus. Ja, ein rechtes Kind - und das soll einen so alten Mann heiraten? Und in einem Jahr bin ich dann vielleicht schon Mutter? Das ist mir noch kein verlockender Gedanke, herzliebste Wilhelmine! Ich habe die Mama inniglich gebeten, eine Zeit nachdenken zu dürfen, und sie hat mir zu überlegen gegeben, daß reputierliche Männer für ein Bürgermädchen nicht eben dick gesät sind.

Heute morgen wachte ich mit recht beklommenem Herzen auf. Mir war nicht sehr nach Reden zumute und so fiel mir erst gar nicht auf, daß Angela wie ein Geist so blaß am Frühstückstisch saß und die Mama mit strengem Mund und der Haube schief auf dem Kopf. Ich tauchte ungestraft meineSemmel in den Kaffee, keine von beiden bemerkte es. Ach, Wilhelmine, die Sonne schien so lieblich durch die Mullgardinen und malte glänzende Kringel auf die gebohnerten Dielen zu meinen Füßen. Wenn bloß der Gedanke an diesen Hanebeck nicht gewesen wäre! Ich sehnte ungeduldig das Ende des Frühstücks herbei, der morgenfrische Park lockte durchs Fenster, und ich wollte so gern zur Ilm laufen und schauen, ob es an ihrem Ufer schon Maiglöckchen gab. Gerade als ich das letzte Stück Semmel in den Mund steckte, klopfte die Mama hart mit dem Löffel an ihre Tasse und ich verschluckte mich vor Schreck. Prustend verspritzte ich den Kaffee nach allen Seiten und es war eine peinliche Bescherung auf der schönen, bestickten Tischdecke. Angela sprang auf und beschimpfte mich tüchtig, und es fielen wieder die leidigen Worte von dem "rechten Kind" und es würde Zeit, daß alles seine Ordnung bekäme. Die Mama wedelte erschöpft mit der Hand, daß Angela still sein sollte, und die setzte sich endlich wieder hin. Es war plötzlich ganz still im Zimmer, nur Papas alte Uhr an der Wand tickte geschäftig vor sich hin. Ich hatte auf einmal Angst und wußte nicht warum, Wilhelmine, und plötzlich begannen sie beide auf einmal zu reden, und schnell und immer schneller prasselten die Worte auf mich ein wie ein eisiger Hagelschauer, mir war, als müßte ich mich ducken, und am liebsten hätte ich die Hände über den Kopf gehalten, damit ich nicht erschlagen würde, aber ich konnte dem nicht entgehen, was sie mir da so ohne jede Vorbereitung zumuteten. Es ist schrecklich, unfaßbar! Liebe, gute Wilhelmine, denk Dir nur, die Jungfer Vogt ist nicht meine Schwester und die Frau Verwalter nicht meine Mutter!

Kannst Du meinen Jammer verstehen, liebste Freundin? Angela ist meine Mutter und Mama meine Großmutter! Angela hat mich geboren, als sie ein knappes Jahr älter war, als ich es jetzt bin. Heimlich hat sie mich zur Welt gebracht bei Tante Emilie, und Mama und Papa haben mich vor den Leuten als ihr spätgeborenes Kind ausgegeben. Papa, mein lieber Papa, dessen Tod ich vor einem Jahr so sehr beweint habe, war nicht mein Vater - das tut am meisten weh.

Sie haben nun gesagt, ich m u ß den Hanebeck heiraten, da bin ich gut aufgehoben und niemals wird mir so etwas passieren wie der Angela. Die arme, sauertöpfische Angela! War sie einmal so ein Iustiger Springinsfeld wie ich, hat im Park und an der Ilm gespielt, gesungen, getanzt und geträumt und einen großen Mann bezaubert? Wilhelmine, ich sehe Dich jetzt den Kopf schütteln, daß die Locken fliegen, sehe Dich mit dem Brief in der Hand auf Dein Bett plumpsen, aber Du liest richtig, es gibt überhaupt keinen Zweifel: der Herr Geheime Rat v. G. ist mein Vater! ! ! Ich bin die Tochter des berühmten Dichters, des angesehenen Ra.tgebers unseres Herzogs Karl August, des Hoftheaterdirektors und was weiß ich noch alles... Es fällt mir so schwer, das zu glauben, aber Mama. wird nicht lügen, das glaube ich noch viel weniger.

Meine einzige Wilhelmine, voriges Jahr bin ich ihm einmal begegnet! Ich war sehr erschrocken, als er mir im Park entgegenkam. Es kennt ihn ja jeder hier - so ein schöner, stattlicher Herr! Er blieb bei mir stehen und der Blick aus den herrlichen Augen ruhte wohlwollend auf mir. Sein Lächeln, so hinreißend mit den vollen Lippen, galt ganz allein mir. Er legte die Hand auf mein zerzaustes Haar und fragte: "Die kleine Jungfer Vogt?" Ich konnte nur nicken wie ein blödes Schaf knickste und lief davon. Ich habe ihn einfach stehen lassen, Wilhelmine, stell Dir das vor! Angela. hat mir gesagt, er weiß nichts von mir. Sie hat den Makel ganz allein auf sich genommen. In meiner Geburtsurkunde steht: "Vater unbekannt."

Heute nachmittag habe ich stundenlang im dichten Gebüsch gesessen vor dem Gartenhaus. Das Tor in der Hecke ist fast zugewachsen, und die kleinen Fenster blicken kalt und abweisend wie tote Augen. Er wohnt schon lange nicht mehr hier, der Herr Geheime Rat. Fast zehn Jahre lebt er jetzt in dem großen Haus am Frauenplan, seit kurzem mit seinem liederlichen Verhältnis, der Vulpius. Ein ordinäres Frauenzimmer, sagt man. Der Frau von Stein gefällt das gar nicht, und sie will ihn nicht mehr sehen, den Herrn v. G. So viele Frauen lieben ihn! Arme, arme Angela, ob er sich an sie überhaupt noch erinnern kann oder besser, will?

Meine gute Wilhelmine, wirst Du nun weiter meine liebste Freundin sein wollen? Ein Bastard bin ich, das ist nicht zu beschönigen. Wie dankbar muß ich den guten Vogts sein, daß es ihnen gelungen ist, die Weimarer Gesellschaft hinters Licht zu führen. Nun bleibt mir gar nichts anderes übrig, als den Hanebeck zu heiraten. Angela sagt, er stört sich nicht an dem "Vater unbekannt". Sie hat es ihm sagen müssen, man braucht die Geburtsurkunde bei der Eheschließung, darum ist es nicht zu verheimlichen. Aber die wahre Geschichte, die kennt er nicht. Außer uns Vogts kennt sienur noch eine und die bist Du. Ich bin so froh, daß Du davon weißt, sonst hätte ich niemanden, mit dem ich darüber sprechen könnte, wenn mir danach ist. Mama und Angela werden nie wieder ein Wort darüber verlieren, dafür kenne ich sie. Wilhelmine, weißt Du, was ich schon den ganzen Tag denke? Wenn sie es ihm nun damals gesagt hätte, die Angela, vielleicht hätte er s i e als sein liederliches Verhältnis in sein Haus genommen und vielleicht...? Ach nein, nun will ich aufhören zu denken. Es tut gehörig weh, das kannst Du mir glauben. Ob ich wohl etwas von ihm geerbt habe? Ich schreibe so gerne Gedichte, aber sie liegen bloß in meiner Schublade herum.

Ich habe heute nachmittag unter der Hecke vom Gartenhaus doch noch Maiglöckchen gefunden. Sie stehen auf der Fensterbank, und wenn ich die Augen schließe, Iäßt mich ihr leiser Duft eine Hand wie einen Hauch aufmeinem Haar spüren.

Nun muß ich weinen, Wilhelmine... Bitte behalt sie lieb

Deine unglückliche Freundin Annette"  

 

  

Waltraud Rohrmoser

 


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